Im Porträt:
Finchen
Dieses Weibchen stellte alles in den Schatten, was ich bislang mit Seehunden am Weserwehr erlebt hatte: Unbeschreibliche Momente, die mich erst zu diesem Blog inspiriert haben. Finchen tauchte zum ersten Mal am 29. Dezember 2021 vor meiner Kameralinse auf, als ich nach Kormoranen Ausschau hielt.

Sie war winzig und kämpfte sich gegen den Strom des Wasserkraftwerks. Dabei schlängelte sie nach Art von Delfinen wellenförmig an der Oberfläche.

Vermutlich war sie damals noch nicht kräftig genug, um unter der Strömung hindurch zu tauchen. Später jedenfalls sah ich diese Schwimmtechnik nicht mehr bei ihr.

Allerdings behielt sie immer ihre Vorliebe, nach vorn hin wegzutauchen.

Warum der junge Seehund die gefährliche, strapaziöse Strömung erduldete? Das war offensichtlich: Neunaugen. Kormorane und Möwen lieferten sich dort seit Tagen schon wahre Schlachten um eine begehrte Beute.

Die primitiven, aalähnlichen Fische ziehen ab Dezember in großen Schwärmen die Weser hinauf. Am Weserwehr müssen sie die Einstiege zur Fischtreppe finden, sonst landen sie im Schnabel eines hungrigen Vogels.

Oder im Magen eines Seehunds.

Die Fischdiät tat ihr gut, denn die junge Robbe sah aus, als müsste sie dringend ein paar Kilo zulegen. Von ihrer Jagd ruhte sie sich zu Anfang auf Stahlträgern direkt am Auslass des Kraftwerks aus.
Ein gefährlicher Ort, denn die Tore werden regelmäßig heraufgezogen und hinabgelassen.
Mein Glück, dass sie diesen Ort wählte: So gelang mir ein Foto ihrer Flossenmarke. Eine Anfrage bei der Seehundstation Norddeich ergab, dass Robbe Nummer 3575 dort im Sommer 2021 aufgepäppelt und nach 66 Tagen auf Juist ausgewildert wurde.
Leicht zu erkennen und auf zauberhafte Weise besonders macht Finchen ein herzförmiger heller Fleck an der linken Kopfseite.
Bis Anfang Februar 2022 hielt Finchen sich praktisch permanent rund um das Weserwehr auf. Dann begann sie ihre wochenlangen Streifzüge und erst Ende Februar sah ich sie wieder.
Knapp zwei Wochen lang fischte sie wieder am Weserwehr, dann verschwand sie wieder, wer weiß wohin.
Nur selten hatte ich zuvor Seehunde mit Beute gesichtet. Bei Finchen aber gehörte das fast zur Normalität. Denn sie hatte sich auf Neunaugen spezialisiert, und die kann ein Seehund nicht unter Wasser schlucken.
Dafür wehren sie sich zu heftig, außerdem sind sie zu groß für einen Haps.
Ende März war Finchen wieder da und widmete sich wieder den Neunaugen. Sie blieb bis Anfang April und verschwand dann für lange Zeit. Ich vermute, sie zog sich in ruhigere Gegenden zum Fellwechsel zurück.
Anfang Juli 2022 kehrte sie nach drei Monaten zurück. Sie hatte sich ziemlich verändert, so dass ich sie erst nicht erkannte. Neunaugen gibt es zu dieser Jahreszeit nicht in der Weser. Finchen war inzwischen auf Flunder umgestiegen.
Auch diese Beute musste sie an der Wasseroberfläche fressen. Mein Glück: Das Krümelmonster hätte nicht hingebungsvoller schmausen können.
Fast den gesamten Juli hindurch jagte Finchen den Flundern am Weserwehr nach und schenkte mir spektakuläre Fotos.
Mit Unterbrechungen sah ich sie bis Ende August immer wieder dort Plattfische fressen. Im Laufe des Sommers wurde ihr Fell dunkler. Die charakteristischen Flecken aber blieben gut zu erkennen.
Ende August 2022 verschwand Finchen endgültig vom Weserwehr. Erst im Oktober sah ich sie mehrmals in der Innenstadt.
Ob das das Ende meiner Geschichte von Finchen ist, weiß ich nicht. Inzwischen ist November und es haben sich andere Seehunde am Weserwehr gezeigt. Ob ich Finchen wiedersehe? Ich bin gespannt auf die Neunaugen-Saison.
Nachtrag am 27. Januar 2023: Die Geschichte geht weite - heute habe ich Finchen wieder am Weserwehr gesichtet! Hier die Geschichte.
Nachtrag 9. Juli 2023: Bis Anfang April ließ Finchen sich immer mal wieder am Bremer Weserwehr sehen. Dann verschwand sie, und folgte vermutlich ihren Artgenossen auf eine Sandbank im Meer. Fellwechsel, dann Paarungszeit. Menschen will eine Robbe dann nicht um sich haben. Aber seit gestern ist sie zurück, und jagt wieder Flundern und Aale.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen