Von Mucki, Gavin und Vördi: Seehunde in Flüssen - ganz normal!
In den letzten Tagen hat sich mir kein Seehund am Bremer Weserwehr gezeigt. Mir ist war es heute Morgen schon zu heiß, ich schaue lieber im Internet nach Robbengeschichten. Es fällt auf, dass Seehundsichtungen in der Weser immer wieder Thema sind in den Lokalnachrichten. Hier berichtet zum Beispiel der Weserkurierim Jahr 2014 von einem Seehund. Und hier im Jahr 2015 ein Seehund, der auf einer Wattfläche vor der Erdbeerbrücke liegt.
Im Jahr 2016 überwand eine Robbe das Bremer Weserwehr und schwamm bis zum nächsten Weserwehr in Intschede, noch einmal mehr als 30 Kilometer flussaufwärts. Es gibt ein hübsches Video von dem Tier bei Youtube:
Ein paar Kanufahrer haben den Seehund ebenfalls fotografiert. Schon länger gibt es Meldungen über Seehunde zwischen den beiden Wehren, zum Beispiel bei Langwedel, wie der Weserkurier hier berichtet. Diese Robbe hat den Namen "Mucki" bekommen; es gibt ein schönes Facebook-Video von einem Kanusportler von ihr. In vielen Ländern Europas erkunden Robben die Flüsse mit Verbindung zum Meer, wie ich in einer kleinen Recherche herausgefunden habe. (Lies weiter!)
Küstenstädte wie Kiel sind an Robben gewöhnt - hier eine tolle Fotostrecke aus 2013! Im dänischen Aalborg ist ein Seehund seit Jahren in einem Yachthafen Stammgast. Doch auch weit ins Landesinnere schwimmen die Meeressäuger und jagen Fischen hinterher. In Mittel- und Nordeuropa werden immer öfter Seehunde und Kegelrobben immer tiefer im Binnenland gesichtet. Für die Themse gibt es sogar ein Sichtungsprogramm - Forscher zählten 2021 fast 3000 Kegelrobben in der Themse und fast 800 Seehunde. Auch im ostenglischen Middlesbrough zählen Naturenthusiasten Robben.
Sogar bis Bremervörde hat sich im Jahr 2021 ein Seehund aufgemacht: "Vördi" hat die Bremervörder Zeitung das Tier genannt. Ich finde das ziemlich erstaunlich: Zwar gibt es Seehunde im Watt der Oste, die in die Elbe mündet. Aber die Oste ist ein kleiner Fluss und bis Bremervörde sind es grob geschätzt 50 bis 60 Flusskilometer, würde ich sagen. Aber wo es Fische gibt, kommen Seehunde hinterher!
Auch in der Elbe fühlen sich Seehunde wohl. Mindestens bis Hamburg ziehen sie, wie zum Beispiel 2014 die Bild-Zeitung ganz erstaunt feststellte. Und 2021 haben sie in Hamburg gleich die Feuerwehr gerufen als ein Seehund bei Övelgönne in der Elbe auftauchte.
Erstaunlich ist dabei eher die menschliche Reaktion, denn Robben sind eben keine reinen Meerestiere. Sie tolerieren auch Süßwasser, wenn darin genügend Fische schwimmen. Denen jagen sie manchmal Hunderte Kilometer landeinwärts nach. 2021 wurde zum Beispiel ein Seehund bei Krefeld gesichtet - 270 Kilometer ist die Robbe den Rhein aufwärts geschwommen. Und noch ein paar Kilometer landeinwärts schwamm ein Seehund 2014 bis Düsseldorf, passender weise wurde er am dortigen Aquazoo beobachtet.
Das richtet den Blick in Richtung Niederlande, denn von dort müssen sie ja durch den Rhein gekommen sein. Dort lösen Seehunde auch noch nahe an der Nordsee, so wie überall, Entzücken aus. Aber die Tiere schwimmen ja bekanntlich viel weiter ins Binnenland hinein. So bekam im Niederrhein bei Wageningen ein Kajakfahrer 2022 einen blinden Passagier in Form eines Seehunds. Das Video ist sehenswert!
Ein noch krasseres Erlebnis hatte ein anderer Standup Paddler 2020 übrigens im Fluss Arun in Südengland: Dieser Seehund legte sich quer auf das Board und John Mitchell gelangen sensationelle Aufnahmen von "Gavin the Seal", der sogar eine eigene Facebookseite hat.
Schaut euch im Facebook-Video an, wie Gavin sich minutenlang auf dem Surfboard aalt! Das Tier ist unglaublich zahm, weit weniger scheu als alle Seehunde, die ich am Weserwehr beobachtet habe. In einem anderen Facebook-Video schwimmt Gavin auf einen kleinen Hund zu. Unglaublich! Ob es sich bei den vielen tollen Fotos auf Facebook immer um ein und dasselbe Tier handelt?
Springen wir zurück weiter östlich in die Niederlande. In der Waal, einem Mündungsfluss des Rheins, sichtete ein Fischer 2021 einen Seehund. Recht überraschend, denn das Tier muss mindestens eine Schleuse durchschwommen haben. Wenn man Niederländisch versteht (ich leider nicht), erklärt einem auf der Seite die Wissenschaftlerin Sophie Brasseur mehr zu Seehunden.
Die niederländische Presse weiß auch über Dramen zu berichten: Zwei Kegelrobben waren 2021 vom Grevelingermeer aus auf eine Straße gerobbt. Zum Glück wurden sie gerettet und in der Nordsee freigelassen. Tolles Video von der nächtlichen Rettungsaktion!
Leider sind Straßen manchmal die Endstation für Robben. Berichte von überfahrenen Robben findet man häufig in der europäischen Presse, wie dieser Fall in Dänemark zeigt. In einigen Fällen müssen verletzte und erschöpfte Tiere eingeschläfert werden, so wie in diesem Fall in Finnland.
Robben können entzücken, Sorgen bereiten, aber auch Angst und Schrecken verbreiten, wie eine Geschichte aus Dänemark zeigt: Bei Roskilde wurde 2021 eine 35-jährige Frau beim Rudern vier Mal von einer Robbe gebissen! Das Tier, eine Kegelrobbe, war offenbar ein gern gesehenes Fotomotiv aber auch umstritten.
Nachdem weitere Menschen angegriffen wurden, diskutierte die Presse über einen Abschuss. Im Juni wurde die Kegelrobbe schließlich getötet.
Auch in Flüssen Schwedens scheinen Seehunde immer häufiger zu sehen sein; 2022 gelang eine schöne Filmaufnahme in Halmstad am Kattegat, berichtet die Hallandsposten.
Wenn es Fisch gibt, folgen die Seehunde selbst kleinen Flüsschen, wie in diesem Fall im schwedischen Lachsfluss Mörrumsån. Oder diese Robbe im Motala ström bei Nörrköping. Wer weiß, wo das nächste Mal einer auftaucht?
Nachtrag 28. August 2022:
Mir war bei diesem Post das ebenso dramatische wie traurige Beispiel des jungen Walross Freya entgangen: Hunderte Kilometer entfernt von ihrem eigentlichen Lebensraum, hatte sich die Robbe im Oslofjord einen Yachthafen als Wohnzimmer ausgesucht. Schaulustige hielten sich nicht an die Aufrufe, Abstand zu halten. Schließlich wurde Freya getötet, um den Schutz der Menschen zu garantieren. Die Kontroverse war erwartbar, die Kritik an der Tötung eines gefährdeten Säugetiers kann ich gut nachvollziehen.
Auch andere Robben aus fernen Lebensräumen verschlägt es bisweilen an unsere Küsten: 2011 tauchte eine Ringelrobbe im Elbe-Lübeck-Kanal auf. Sie kam wahrscheinlich aus der nördlichen Ostsee zu Besuch, die meisten Ringelrobben leben aber im Eismeer. Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn mal eine hier am Weserwehr zu Besuch kommen würde, hier muss sie wenigstens keine Angst haben vor Polarbären.
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